Waldpädagogik

Durch den täglichen Aufenthalt im Wald und den Kontakt mit der Natur lernen die Kinder die Vielfalt der Natur im Wechsel des Jahreslaufs kennen. Die Kinder sammeln verschiedenste Erfahrungen dadurch, dass sie sich ständig auf veränderte Gegebenheiten einstellen müssen. Diese Primärerfahrungen mit den Elementen der Natur und dem Raum im Wald können durch kein Bestimmungsbuch ersetzt werden und besitzen aufgrund ihrer Echtheit eine besondere Qualität. Die Kinder werden durch direktes Erleben, Experimentieren und Beobachten möglichst viele Antworten auf ihre Fragen selbst finden können.
Die Kinder schöpfen in ihrer weiteren Entwicklung aus diesem komplexen Erfahrungsschatz und sind eher bereit, achtsam mit der Natur umzugehen.

Ganzheitlicher Ansatz

Die Entwicklung einer positiven Haltung unserer Kinder zu Natur und Umwelt hängt ganz entscheidend davon ab, inwieweit sie die Möglichkeit zur Naturbegegnung haben. Nur aufgrund eigener Erlebnisse und Erfahrungen können die Kinder die Natur als etwas Schützenswertes, Wertvolles, Tragendes und Liebenswertes kennen lernen. Man muss fühlen können, um darauf Wissen aufbauen zu können.
Die Welt der Gefühle in und mit der Natur legt das Fundament für ein verantwortungsvolles Verhalten, das geprägt ist von Respekt, Achtung und Liebe. Gerade die Waldpädagogik will das Kind als ganzen Menschen über verschiedene Wege der Naturerfahrung und -wahrnehmung ansprechen, also kognitiv, sinnlich,
künstlerisch, ästhetisch und spielerisch.

Naturraum

Der Naturraum, der den Kindern zur Verfügung steht, weist autonome natürliche Strukturen auf, die nicht von Menschen geschaffen sind. Raumgestalt und -form ist durch die Geländestruktur zunächst vorgegeben, kann aber aktiv und passiv durch verschiedene Elemente gestaltet werden: Pflanzen, Sträucher, Bäume, Tiere, Tierbauten, Steine, totes Holz, Pfützen, Rinnsale, Tümpel, Pfade, Wege. Zum einen gibt es die Struktur durch den Jahresablauf. Dieser kann unmittelbar erlebt werden.
Zum anderen finden die Erzieherinnen und die Kinder statt des immer gleichen, baulich nicht veränderbaren, vor strukturierten Raumes eines Hauskindergartens einen Raum vor, den sie selber eingrenzen und jederzeit verändern können, manchmal sogar müssen und der einem stetigen Wandel unterliegt.
Raumübergreifende strukturierende Elemente sind: Jahreszeiten, Naturerscheinungen, nicht ortsgebundene Tiere, Himmel mit Himmelskörpern und Wolkenbildern, Licht und Schatten, Temperaturschwankungen, fließende und stehende Gewässer.
Unser Waldkindergarten ist eine Einrichtung ohne festes Gebäude, in der sich die Kinder bei jedem Wetter und jeder Jahreszeit im Freien aufhalten. Man spricht auch vom Kindergarten „ohne Dach und Tür“. Je nach Jahreszeit, Wetter und Projekt, halten sich die Kinder mit den Erzieherinnen an den verschiedensten Waldplätzen auf und sind in gewisser Weise immer ‚unterwegs’. Dazu gehört auch das Erkunden
immer neuer Waldplätze und das Zurückgeben und Schonen von oft besuchten Waldplätzen.
Der Waldkindergarten kann den Kindern die Grundlage für ein tiefes Verständnis der Welt mitgeben. Angesprochen sein mit allen Sinnen, das Lernen durch Herz, Kopf und Hand schafft emotionale Bezüge, die neugierig machen auf die Welt und das Kind sich selber auch als Teil dieser Welt begreifen lassen. Diese Rückbindung an die Welt, das verwurzelt sein mit ihr, mit dem ‚Sein schlechthin’ vermittelt dem
Kind die Erfahrung des getragen seins und damit ein Vertrauen, das es ein Leben lang begleiten wird.

Bewegungsvielfalt

Bewegungsvielfalt ist ein Qualitätsmerkmal des Waldkindergartens. In der Natur bieten sich viele Bewegungsanlässe und -möglichkeiten: Die Kinder können täglich hüpfen, springen, klettern, balancieren, kriechen etc. Hier ist Raum, um Grenzerfahrungen zur eigenen körperlichen Leistungsfähigkeit zu
machen. Durch die wichtige Erfahrung, dass Bewegung gut tut, lernt das Kind Bedürfnisse des Körpers wahrzunehmen. Damit ist ein wertvoller Beitrag zu körperlicher Gesundheit und geistiger Beweglichkeit geschaffen.
Das Kind kommt zu einem selbst bewussten Umgang mit sich und seiner Umwelt. Das schafft Stabilität für die Bewältigung psychischer Belastungs- und Stresssituationen.

Gesundheit

Dem Wind und Wetter ausgesetzt zu sein stärkt die Abwehrkräfte und erhält die Gesundheit der Kinder. Zu unserem ganzheitlichen Ansatz zählt auch, den Kindern zu vermitteln, was zu einer gesunden Ernährung gehört. Ziel ist es, den Kindern eine Ernährungsweise nahe zu bringen, die weitgehend naturbelassen ist und auf eigener mechanischer Verarbeitung und Zubereitung beruht. Deshalb werden z.B. an unseren Kochtagen bevorzugt Zutaten und Lebensmittel aus biologischem Anbau oder je nach Jahreszeit eigenem Anbau verwendet und soweit wie möglich auf Fertigprodukte verzichtet.

Sinnesförderung

Alle Sinne werden intensiv gefördert. Kinder lernen durch Sinneswahrnehmungen die Welt zu begreifen. Ein feuchter Stock fühlt sich anders an als ein trockener, spröder oder glatter Stock. Die eigenen Schritte verursachen bei unterschiedlichen Böden unterschiedliche Geräusche. Jede Jahreszeit lässt die Vegetation anders riechen. Nach dem Aufenthalt in der frischen Luft schmecket das Vesper noch mal so gut.

Phantasie und Kreativität

Das Spiel mit dem, was die Natur hergibt, hat 1000 und eine Variationsmöglichkeit. Naturmaterialien sind aus der Natur hervorgegangene und ausschließlich durch Prozesse in der Natur veränderte Materialien. Die Waldkinder können mit diesen Materialien phantasievoll und kreativ spielen, haben eigene Interpretationsmöglichkeiten und bekommen Raum für eigene Entwürfe. Sie sind nicht dem Erwartungsdruck von Erwachsenen ausgesetzt, da die Naturmaterialien kein intentionales Spielzeug darstellen.

Sprachförderung

Ein Stock ist ein Stock. Oder ein Schiffsmast. Oder eine Laterne. Oder die Theke eines Kaufladens. Oder ein Fahrzeug. Kommunikation erfolgt auch durch Sprache. Die Entwicklung und Verfügbarkeit des Wortschatzes wird spielerisch ausgebildet, wenn Kinder miteinander sprechen müssen, um gemeinsam spielen zu können.

Stille

Die Stille im Wald kann man fühlen, erfahren und genießen. Das beruhigende Element des Waldes wirkt. Das einzelne Kind kann seine individuelle Toleranzgrenze einhalten und ist keinem Lärmstress ausgesetzt.

Soziale Erziehung

Die Verantwortung füreinander ist in der „wilden Natur“ besonders wichtig. Der Große passt auf den Kleinen auf, der Starke auf den Schwachen. Zwar kann man auch allein für sich spielen, aber nur zu mehreren lassen sich Dinge gestalten, die noch nicht fertig zu Verfügung stehen, z.B. muss der große Ast gemeinsam weggerollt werden, sonst bleibt er liegen. Oft führt nur eine Diskussion, in der jedes
Kind und die Erzieherin sich einbringen kann und soll, zu einem gemeinsamen Ergebnis, bei der Auswahl des Tagesplatzes etwa oder der Gestaltung vor Ort.
Ohne Toleranz und Respekt vor den Möglichkeiten und Bedürfnissen des einzelnen Gruppenmitgliedes ist ein gemeinsamer Tag nicht gestaltbar.